NABU sichtete 39 Vogelarten am Zollbahnhof

"Keine Frage: der Zollbahnhof ist das beste Nachtigallenrevier weit und breit. Und das gleiche lässt sich mit Fug und Recht auch für den Orpheusspötter sagen". - Aus berufenen Munde kam dieses Statement, ist Christoph Braunberger als passionierter Ornithologe doch bestens mit der Vogelwelt vertraut. Was sich ihm jetzt im Rahmen der vogelkundlichen Exkursion über das Areal des ehemaligen Zollbahnhofes bot, sprengte einmal mehr die Erwartungen. Binnen zwei Stunden und auf etwa zweieinhalb Kilometern wurde die Nachtigall an 15 verschiedenen Standorten "verhört". "Und hier sind wir wirklich nur einen minimalen Teil des Biotops abgegangen". Zur traditionellen "Frühjahrs-Orni-Tour" hatten der Altstadter Naturschutzbund und die örtliche Volkshochschule gemeinsam eingeladen, und groß war die Resonanz. Marion Geib ließ sich sogar nicht davon abbringen, ein schweres Spektiv samt Stativ über die gesamte Strecke hinweg mitzuschleppen. Jene gefiederten Raritäten, die sich blicken ließen, verlohnten die Mühe: So war etwa ein Neuntöter-Pärchen in der Abendsonne einer der Höhepunkte der Exkursion.

Ganze sechs Wochen, so informierte Braunberger die Teilnehmer, singe die Nachtigall, das aber bis zu 20 Stunden am Tag und teilweise sogar nachts. "Warum singen die Vögel überhaupt ? - Mit Sicherheit nicht, um dem Menschen damit zu gefallen. Damit grenzen sie ihrer Reviere untereinander ab, und gleichzeitig wird damit für die Paarung geworben". Wenn die Nachtigall, die eher in südlichen, mediterranen Gegenden verbreitet ist und in Deutschland nur in Gebieten unter 400 Meter vorkommt, bei der Brut und bei der Nachwuchspflege ist, wird sie stumm und unauffällig. Selbst versierte Beobachter haben dann kaum noch eine Chance, dem flinken Kleinvogel gewahr zu werden. Bei der Wanderung gab es so denn einige seltene Naturbeobachtungen - aufgeregt kreischende Kiebitze etwa, die von einem streunenden Fuchs aufgescheucht wurden. "Der Kiebitz ist bei uns inzwischen zu einer ausgesprochenen Rarität geworden. Als Wiesenbrüter ist er durch die frühe und danach ständige Silagemahd der Landwirtschaft zu einer aussterbenden Art geworden. Die Gelege am Boden haben keine Chance, wenn die Kreiselmäher kommen", informierte Braunberger. Dass die jetzt beobachteten Kiebitze ausgerechnet auf Flächen des Altstadter Naturschutzbundes zu sehen waren, die erst Ende Juni oder Anfang Juli zum traditionellen "Heu"-Termin gemäht werden, bestätigte Braunbergers These.

Insgesamt bekamen die Wanderer in Sachen Vogelkunde 40 verschiedene Arten "Piepmätze" ins Visier ihrer Feldstecher, darunter weitere Seltenheiten wie den besagten, auf Ginster spezialisierten Orpheusspötter, die schmucke Goldammer, die stattliche Rohrweihe, das Schwarzkehlchen und nicht zuletzt auch den Beeder Storch, der im Tiefflug über dem Zollbahnhof kreiste, um sich dann in jenen Wiesen "den Bauch voll zu schlagen", in denen die Landwirte gerade bei der Silage waren; das Getier, das dieser Art der landwirtschaftlichen Nutzung zum Opfer fällt, ist nach Braunbergers Worten im wahrsten Sinn des Wortes ein "gefundenes Fressen".

Christoph Braunberger nutzte die Gelegenheit auch, um Interessantes über den Vogelzug zu berichten. "Viele Arten nehmen den beschwerlichen Weg in Kauf, weil sie in Mitteleuropa oder noch nördlicher Standortvorteile haben. Während in der Nähe des Äquators Tag und Nacht gleich sind, haben sie bei uns 16, 18 und teilweise noch mehr Stunden Helligkeit zur Fütterung und zur Brutpflege. Außerdem ist die Konkurrenz bei uns nicht so groß. Gibt es in Afrika rund 4000 Arten, gegen die es zu bestehen gilt, sind bei uns nur knapp über 200 heimisch", erläuterte der Fachmann. Ein Fünftel davon registrierten die Teilnehmer allein bei der jetzigen Exkursion.

Die nächste naturkundliche Wanderung, zu der NABU und VHS einladen, gilt der Pflanzenwelt des Zollbahnhofes. Quasi als "Appetithappen" dazu machte Wolfgang Daum darauf aufmerksam, dass im Zollbahnhof neuerdings sogar Orchideen wachsen. Als "Knabenkraut" wurde die große Besonderheit denn auch identifiziert. Die "Exkursion in die Botanik" findet am Monttag, 17. Juni, statt, die Leitung hat der Botaniker und Studiendirektor i.R. Willi Hammer aus Homburg. Treffpunkt dazu ist um 18 Uhr auf dem Altstadter Schulhof. Die Teilnahme an der Wanderung ist kostenlos. Bildtext: Den Neuntöter im Visier: Konzentriert beobachten die passionierten Ornithologen 40 verschiedenen "Piepmätze" bei ihrer Exkursion durch den Zollbahnhof. Christoph Braunberger der Leiter der Tour, stellte die einzelnen Vogelarten vor und erläuterte ihre besonderen Eigenheiten.

Beobachtete Arten:
Star
Zilpzalp
Amsel
Ringeltaube
Goldammer
Mauersegler
Fasan
Fitis
Dorngrasmücke
Weiden- oder Sumpfmeise
Saatkrähe
Graureiher
Singdrossel
Buchfink
Kuckuck
Gartengrasmücke
Mönchsgrasmücke
Orpheusspötter
Neuntöter
Turmfalke
Weißstorch
Mäusebussard
Rabenkrähe
Kohlmeise
Blaumeise
Nachtigall
Schwarzkehlchen
Feldsperling
Elster
Stockente
Haustaube
Rohrweihe
Heckenbraunelle
Eichelhäher
Zaunkönig
Kiebitz
Feldschwirrl

M. Baus


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Letzte Änderung: 15. Mai 2002