Vom Mauerpfeffer, der sich die Nase zuhält und 1000-jährigen Flechten
Altstadter Naturschutzbund auf Natur-Tour im Zollbahnhof

"Das gibt heute wieder keine große Kilometerzahl", zog Willi Hammer Zwischenbilanz. Die Glocken vom Altstadter Kirchturm signalisierten gerade, dass just eine Stunde ins Land gezogen war, seit der Startschuss zur Wanderung gefallen war. Und die Strecke, die binnen dieser Spanne zurückgelegt worden war, betrug im Höchstfall vielleicht 50 oder 60 Meter. Unterwegs wieder aufhalten ließ sich die Schar der Teilnehmer von ganz unscheinbaren Sehenswürdigkeiten am Wegesrand - von Pflanzen namens "Sandschaumkraut" oder "Kleinknäueliges Hornkraut" beispielsweise. Botanik stand also auf dem Stundenplan der Exkursion, zu welcher der Altstadter Naturschutzbund (NABU) in Zusammenarbeit mit der örtlichen Volkshochschule eingeladen hatte. Die Trockenrasen auf dem Gelände des ehemaligen Zollbahnhofes standen im Blickpunkt der naturkundlichen Tour, die von den bald 30 Interessierten sehr gemächlichen Schrittes angegangen wurde. Denn auf Schritt und Tritt gab es etwas zu sehen und faszinierend und anschaulich Auskunft zu Eigenheiten und Überlebensstragien einzelner Gewächse.


"Sehen sie, hier kann es extrem heiß werden. Der sandige und steinige Untergrund ist sehr arm an Nährstoffen, der Boden ist äußerst trocken. Und mit diesem unwirtlichen Bedingungen müssen die hier vorkommenden Pflanzen zurecht kommen", erläuterte der ehemalige Lehrer für Biologie und Chemie, der am Homburger Mannlich-Gymnasium unterrichtete. Der Mauerpfeffer etwa helfe sich, indem er sich tagsüber Nase und Mund zu halte, um ja kein Wasser zu verdunsten. Erst mit Einbruch der Dunkelheit beginne diese dickfleischige Fetthenne, die zur Blütezeit den Zollbahnhof in einen gelben Rasen verwandelt, wieder zu atmen. "Er ist auch, wie der Name schon sagt, eine Würzpflanze. Sie hat einen scharfen Geschmack", skizzierte der pensionierte Studiendirektor, warnte aber davor, den Mauerpfeffer überzudosieren. "Dann schon lieber den Thymian, der hier im Zollbahnhof in rechten Teppichen wächst. Durch den mageren Standort ist er ganz besonders intensiv". Das ließ sich natürlich keiner zweimal sagen und hielt sich die klitzekleinen, aber "duften" Blätter unter die Nase. Dass der Thymian einen vierkantigen Stengel hat und er obendrein zygomorph, will heißen, ganz symmetrischen Aufbau zeigt, war dann für Amateur-Botaniker schon schwerere Kost. Blätter kann man frisch oder getrocknet als Tee verwenden", klärte Willi Hammer über die medizinische Bedeutung des Weißdorns auf, einem Busch, der geradezu blühen begann. Flavonoide, Amine und Cyanide seien die nachgewiesenen Wirkstoffe. Bei funktionellen Herzbeschwerden, koronaren Herzkrankheiten und Herzrhythmusstörungen sei Weißdorn eine gute Hilfe.

Aber auch einige ganz seltene, vom Aussterben bedrohte Spezies konnten die Wanderer in Sachen Pflanzenwelt in Augenschein nehmen - allerdings nur, wenn sie eine Lupe parat hatten. Denn arg klein präsentierte sich so manche Rarität, das Sandvergissmeinnicht beispielsweise. "Das ist so selten, dass es nicht einmal in der einschlägigen Fachliteratur vorkommt", blätterte der Botaniker erfolglos in seinem Bestimmungsbuch. Dass der "Aufgeblasene Taubenkropf" eine Nelkenart ist oder dass das weiß blühende Sandschaumkraut eng verwandt ist mit dem bunten Wiesenschaumkraut - zu jeder noch so unscheinbaren Blume wusste Willi Hammer zu erzählen. Dicke Flechtenmatten auf dem nackten Boden gehörten dann zu den letzten Attraktionen der bald zweieinhalbstündigen Natur-Tour: "Flechten sind Algen und Pilze, die in Symbiose leben. Sie können bis zu 1000 Jahre alt werden und gelten als wichtige Anzeiger für die Luftqualität. Wenn die Luft verschmutzt ist, kommen sie nicht mehr vor", führte er aus. "Na, dann ist das große Vorkommen hier ja ein gutes Zeichen", meinte ein Teilnehmer des Exkursion, der eigens aus Saarbrücken nach Altstadt gekommen war.

Martin Baus

 


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Letzte Änderung: 11.05.2004