Natur und Geschichte(n) um Altstadt

Häuser standen tief im Waldesdickicht, gepflegte Vorgärten hatten sie mitunter, Pferdeställe gab es und auch eine Art Wirtshaus. Soldaten der Wehrmacht waren in dem weitläufigen Lager untergebracht, in dem sie zwecks Genesung weilten. Und wochenends im letzten Weltkrieg war das Quartier unter den Bäumen des Staatsforstes ein beliebtes Ausflugsziel vornehmlich jüngerer Frauen. "Mehr wird nicht erzählt, ab hier wird es sehr persönlich, das geht niemanden etwas an", meinte Susanne Knerr, Zeitzeugin Jahrgang 1929. Warum der Altstadter Märchenwald Märchenwald heißt, das war eine der Fragen, die im Verlauf jener natur- und heimatkundlichen Wanderung gestellt und diskutiert wurden, zu welcher Naturschutzbund und Volkshochschule eingeladen hatten. "Es wurden eben viele Märchen davon erzählt, was sich damals hier im Wald zugetragen hat", skizzierte Lore Ruth, wie es zum bis heute gängigen Namen kam.

Spuren und Überbleibsel von der einstigen Bebauung, die noch bis 1959 bewohnt gewesen sei, fanden die zahlreichen Teilnehmer der Wanderung nur wenige: ein stabil geschotterter Waldweg hier, überwucherte Betonfundamente da, auch einmal ein am Waldrand ausgehobener Schützengraben. "Die Hütte der Altstadter Jäger steht halbwegs dort, wo vor mehr als 60 Jahren die Militärgebäude gestanden haben", meinte Harald Pfeiffer, der aus der Erinnerung heraus auch einen ungefähren Lageplan gezeichnet hatte. Dass ein Flugzeug im Krieg seine explosive Ladung wohl komplett über einer kleinen Fläche hinter der heutigen Hugo-Strobel-Halle auf unbewohntes Areal abgeworfen hatte, daran erinnerte sich Lore Ruth. "Die vielen Bombentrichter auf ganz engem Raum stammen davon. Wer weiß, vielleicht wollte der Pilot seine Bomben nicht auf Menschen abwerfen", mutmaßte sie. Ein weiteres militärisches Anschauungsobjekt im Laufe der Tour war das Bundeswehrdepot "Am Zunderbaum", das zu vier Fünftel auf Altstadter Terrain steht. "Proviantamt" haben wir früher dazu gesagt", erinnerte sich ein Teilnehmer vom Lappentascherhof.

Aber auch die Natur am Wegesrand fand das Augenmerk der Wanderer. So machte Wolfgang Daum auf einen Apfelbaum der Sorte Boskoop aufmerksam, der zum Herbstanfang in voller Blüte stand, an dem aber gleichzeitig Früchte heranreiften. Die gemeiner Hand als "Hundsärsch" bezeichneten Mispeln waren nicht wenigen völlig unbekannt, und die Identität der daneben wachsenden Sträucher blieb zunächst ungeklärt. Fast kahl mit nur wenigen, aber rot blühenden Blattbüscheln an den oberen Spitzen, über und über mit Flechten bewachsen, wusste zunächst niemand, um welch merkwürdiges Gewächs es sich wohl handeln könnte. Erich Dorner befragte den Homburger Botaniker Willi Hammer, der darin eine Heckenkirsche erkannte - ob es sich um deren "Schwarze"- oder die "Tartaren"- Variante handelt, könne aber erst im nächsten Frühjahr zweifelsfrei gelöst werden. Zur Familie der Geißblattgewächse gehöre der Strauch jedenfalls und essbar seien seine "Kirschen" nicht, sondern giftig. Aber danach wurde es wieder historisch - entlang der 1848/49 gebauten, ersten Eisenbahnlinie auf saarländischem Terrain, die vom Rhein her kommend in Bexbach endete, ging es über die sagenumwobene "Deiwelsbrigg" auf eine andere wichtige Verkehrsverbindung der Geschichte. "Das ist also die Trasse der alten Geleitstraße", verwies VHS-Leiter Arno Hübler auf die einstige Bedeutung dieser von Metz nach Mainz und Worms führenden Strecke. Der Nachdruck einer mitgebrachten Landkarte aus dem Jahr 1564 zeigte den genauen Verlauf der "mittelalterlichen Autobahn" quer durch Altstadt. "In meiner Jugend war der Weg eine ziemlich schlammige Angelegenheit", ließ Erwin Wolf Revue passieren. Heute, so stellten die Teilnehmer des Beganges fest, ist der so genannte "Schwarze Weg" ein gut frequentierter Bewegungsraum für Jogger und Walker, Spaziergänger und Herrchen von Vierbeinern.

Martin Baus

 


 


 


Fotos: Geib

 


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Letzte Änderung: 04.04.2004