Von Indianern, tauben Trespen und dem Rhabarberproblem
- auf botanischer Wanderung mit Willi Hammer

"Von Gras lebt die Menschheit", sinnierte Willi Hammer, und die Kulisse für derlei Nachdenklichkeit bildete ein großer Getreideacker, dessen Halme sich gerade anschickten, zu Ähren zu schossen. Aber nicht die angebaute Feldfrucht in Gestalt von Roggen hatte es dem pensionierten Studiendirektor aus Homburg angetan, sondern vielmehr der Ackerrandstreifen, in dem er Knäuelgras und die "Taube Trespe ausmachte.

"Von diesen Arten wird der Bauer freilich nicht gerade begeistert sein", meinte Hammer und zeigte am natürlichen Beispiel vor Ort, wo die Unterschiede zwischen landwirtschaftlichem Anbauprodukt und seinen natürlichen Urformen zu suchen sind. Botanik war angesagt bei der Exkursion, und eingeladen dazu hatten gemeinsam der Altstadter Naturschutzbund und die örtliche Filiale der Kreisvolkshochschule. Durch Feld und Flur und über Stock und Stein zog die vielköpfige Schar der Interessierten über Lehmekaut und Nachtweide ins Bruch, um unter die Lupe zu nehmen, was am Wegesrand im Frühjahr so alles grünt und blüht. Dass die Brennnessel nicht nur brennnesselt, sondern auch eine wirksame Heilpflanze ist, die bis ins 19. Jahrhundert hinein gemeinhin auch zu Tüchern verarbeitet wurde, skizzierte Willi Hammer ebenso wie er auf ihre Bedeutung für bunte Schmetterlinge aufmerksam machte: Tagpfauenauge, Admiral, Distelfalter oder der Kleine Fuchs etwa halten sich mit Vorliebe an diesem wilden Gemüse auf. "Ja, wenn man ein Lehrer ist, dann will man den Leuten ja auch etwas beibringen. Und ich bin eben einer", ließ sich der Biologe bei seiner Führung nicht aus der Ruhe und dem Konzept bringen und "würzte" seine Erklärungen immer wieder mit einem gehörigen Schuss Selbstironie. Fragen hatte er indes unzählige zu beantworten - was es etwa mit der Oxalsäure im Sauerampfer auf sich habe. Dass Scharfgarbe gut für die Durchblutung, Johanniskraut gut für die Nerven und Löwenzahn gut für Leber und Galle seien, gehörte zu den Tipps, der für Tee und Tnkturen parat hatte. Passen musste er freilich bei dem Problem, das Thomas Marx aufwarf. Der hatte gefragt, warum beim Rhabarber die Stängel, aber nicht die Blätter essbar seien. "Das ist aber eine knifflige Angelegenheit und auf jeden Fall eine Hausaufgabe für mich", entgegnete Willi Hammer.

Spitz- und Breitwegerich empfahl er bei Atemwegserkrankungen. "Die Spur des weißen Mannes" heiße diese Heilpflanze bei den Indianern in Nordamerika - weil die Ankömmlinge und Siedler dieses Gewächs aus Europa mitgebracht und auf ihrem Zug nach Westen verbreitet haben. "Nomen est omen, zumindest oft", führte der Botaniker aus und verdeutlichte dies auch am Beispiel von "Hirtentäschel" und "Storchenschnabel". Begeistert waren Willi Hammer und die Teilnehmer von dem regelrechten Teppich aus Hornkrautblüten, der sich an einer Wegekreuzung ausbreitete, und von den imposanten Disteln, die auf einem NABU-eigenen Grundstück gediehen - "die sind im Sommer mindestens mannshoch". Sogar "Tafelbilder" hatte der Exkursionsteilnehmer zur Veranschaulichung vorbereitet - an der Knoblauchsrauke konnte er die auf großen Karton aufgetragenen Zeichnungen zur Hand nehmen. "Das ist durchaus eine Alternative zur Bärlauch", empfahl er das Kraut als Speisewürze. Der Saft des daneben wachsenden Schöllkraut habe den Ruf, wirksam gegen Warzen zu sein. Mehr als zwei Stunden dauerte die Tour durch die Natur der Pflanzen schließlich, und auch leichter Regen tat ihr keinen Abbruch.

Martin Baus



"Wenn man ein Lehrer ist, dann will man den Leuten ja auch etwas beibringen": Mit einem Schuss Selbstironie ging Willi Hammer bei der botanischen Exkursion in Altstadt zu Werke.
Foto: Martin Baus


Der regelrechter Teppich aus weiß blühendem Hornkraut an einer Wegegabelung war einer der Höhepunkte bei der botanischen Exkursion, zu der der Altstadter Naturschutzbund über Stock und über Stein eingeladen hatte.
Foto: Martin Baus


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Letzte Änderung: 24.5.2006