Haareis – ein seltenes biophysikalisches Phänomen

derzeit in unseren Laubwäldern

15. Januar 2012

Tagelang hat es geregnet, nun ist der Himmel klar und es ist kalt geworden. Von November bis März sind dies genau die richtigen Voraussetzungen, um in unseren Laubwäldern ein eisiges Phänomen zu bewundern - das Haareis. Es ist nicht überall und nicht in jedem Jahr zu finden; aber dieser Tage scheint das Wetter optimal zu sein. Was sind das für Eisgebilde, die bei den derzeitigen Wetterbedingungen hauptsächlich an Buchen-Totholz zu beobachten sind? Sie sehen aus wie Zuckerwatte, haben aber bei näherem Hinsehen eine fadenförmige, kristalline Struktur.

Nicht jedes Totholz ist mit Haareis bedeckt, nur hie und da findet sich ein morscher Ast, der diesen weißen Schmuck trägt. Kälte und Nässe reichen alleine offenbar nicht aus. Nimmt man einen solchen Ast auf, fällt die weiße Pracht schnell ab oder der eigene Atem bringt sie zum Schmelzen. Es fällt auf, dass das Haareis dort entsteht, wo an dem Ast bereits die Rinde abgelöst ist. Es gibt Forschungen, die vermuten, dass bestimmte Pilze bzw. deren Myzel zur Bildung von Haareis beitragen. Wissenschaftlich befriedigend erklärt ist das Phänomen noch  nicht, aber eine Studie der Uni Bern aus dem Jahre 2008 (G. Wagner, C. Mätzler) kommt der Lösung schon näher. Durch Analyse der Beobachtungen und Experimente kommen die Autoren zu folgender Deutung: 

Urheber des zur Haareisbildung führenden Prozesses ist ein im Holz lebendes Myzel eines winteraktiven Pilzes. Der Pilz baut die in den Holzstrahlen vorhandenen organischen Nährstoffe ab. Dabei entstehen Kohlendioxid und Wasser. Der Druck des entstehenden Kohlendioxidgases drängt im Holz gespeichertes Wasser durch die Holzstrahlkanäle an die Oberfläche.  In diesem ausgestoßenen Wasser befinden sich als Verunreinigung unvollständig abgebaute organische Substanzen. Dank den als Kristallisationskeime wirkenden organischen Molekülen gefriert dieses Wasser beim Austritt an die Luft schon knapp unterhalb von 0° C.  Am Ausgang der Holzstrahlen entstehen die typischen Eishaare. Beim Schmelzen der Eishaare wird die organische Substanz als dünner Faden sichtbar, an dem sich perlenartig Wassertröpfchen bilden. Wagner und Mätzler haben herausgefunden:  ohne den Pilz passiert gar nichts. Wenn der Pilz getötet wird oder wenn die für den Pilz abbaubaren Stoffe aufgebraucht sind, erlischt der Dissimilationsprozess und es ist keine Haareisbildung mehr möglich. Es müssen also viele Bedingungen genau stimmen, damit sich der zerbrechliche weiße Schmuck am Totholz bilden kann. 

Eine weitere Erscheinung, die durch die derzeitige Wetterlage begünstigt wird, ist der goldgelbe Zitterling (Tremella mesenterica). Er ist zwar kein spezieller Winterpilz, sondern ganzjährig zu finden. Aber da sich die übrige Natur derzeit recht farblos gibt, ist er besonders gut zu sehen. Leuchtend gelb haftet der Pilz an Ästen, durchbricht die Rinde und quillt durch die anhaltende Feuchtigkeit gallertartig mit einer hirnartigen Struktur auf. Bei Trockenheit schrumpft der Fruchtkörper wieder knorpelig zusammen und ist dann wieder unauffällig.

Text und Fotos:  Marion Geib




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Letzte Änderung: 15.1.2012