"Vorranggebiet Naturschutz" Zollbahnhof Altstadt:
Einplanierte Mauereidechsen, Schotterwüste, so weit das Auge reicht

Ein Protokoll der planmäßigen Zerstörung

Sommer 2004, Ende Juli: beim Altstadter Naturschutzbund knallen die Sektkorken. Es wird gefeiert, eitel Sonnenschein, frohe Gesichter, Lachen allenthalben. Der neue Landesentwicklungsplan Umwelt für das Saarland ist beschlossene Sache. Der Zollbahnhof ist endlich "Vorranggebiet Naturschutz". Genau zwanzig Jahre hat der Altstadter Umweltverband dafür gekämpft. Gewerbegebiet, reserviert für industrielle Großvorhaben, war das rund 40 Hektar große Areal bis dahin. Der entscheidende Schritt nun, die Wende - ein Prosit auf den Umweltminister. Jetzt noch die offizielle Ausweisung als Naturschutzgebiet auf den Weg bringen, und das wertvolle Biotop ist ein- für allemal gerettet.

Sommer 2005, Ende Juni: Schwere Radlader donnern über den Zollbahnhof, schütten riesige Schotterhalden auf. Zehn Hektar Trockenrasen, Stauden, Ginster, Heckensäume sind Maschinen und Material im Weg. Staubschwaden werden wolkenweise vom heißen Ostwind verweht und auch der ohrenbetäubende Lärm. Die Hitze lässt stinkendes Teeröl schmelzen, das in den ausrangierten Bahnschwellen gebunden ist. Über hunderte Meter sind sie meterhoch aufgeschichtet. Längst nicht mehr zähflüssig quillt das schwarze Gel auf den Boden, verschwindet im Untergrund, denn der ist offen und schnell durchlässig. Das Landesamt "für" Umweltschutz habe den Freibrief dafür erteilt, tönt es lapidar auf kritische Anfragen hin.

Brunnen zur Trinkwasserförderung gibt es jede Menge in der Nähe. Der nächste ist nicht einmal 200 Meter Luftlinie entfernt. Bromazil heißt das Teufelszeug, das im Grundwasser ist und es ungenießbar macht. Seit mehr als 15 Jahren schon weiß man von der Verseuchung. Die Bahn hat leichtfertig Schindluder mit dem Pflanzenvernichtungsmittel getrieben. Jetzt liegt das Gift im Brunnen und keiner weiß, wie es wieder herauskommen soll. Groß angelegte Sanierungsprojekte brachten bisher nichts, noch größere laufen seit November 2005. Ausgang der Maßnahme - zeitlich und sachlich ungewiss. Vielleicht gibt es bald noch mehr Arbeit für die Sanierer.

Der Zollbahnhof ist wegen der Vielzahl der dort vorkommenden Tier- und Pflanzenarten von überregionaler Bedeutung. So heißt es schön in einem wissenschaftlichen, teuren Gutachten - in Auftrag gegeben von der Bahn. Die Population der Mauereidechse wird jetzt einplaniert, dem Orpheusspötter, FFH-Art und dem Saarland in besonderer Verantwortung zugeordnet, geht es nicht besser. Die Nachtigall kommt mit ihrem Lied nicht mehr an gegen den Höllenlärm der Maschinen und verschwindet gleich dutzendweise. Neuntöter, Wendehals, Schwarzkehlchen - es fällt eben auf, dass für sie kein Platz mehr ist in der Schotterwüste. Bei den Ödlandschrecken, ganz gleich, ob sie rote oder blaue Flügel haben, sind es eher die Wissenden, die sie vermissen. Deren schwarze Liste der von der Zerstörung betroffenen Arten ist ein verdammt langes Dokument.

Bahnstrecken werden überholt. Im Südwesten Deutschlands hat die Bahn schon lange nichts mehr getan, hat Nachholbedarf. Nahe- und Moseltrassen sind zuerst an der Reihe. Der Unterbau gelangt mit Karawanen von 40-Tonnern donnernd über die Straße und verschlungene Pfade nach Altstadt ins Zwischenlager Zollbahnhof, ehe das Material wieder zurück transportiert wird. Der Saarbrücker Bahnhof kommt auch noch nach Altstadt, "Eurobahnhof" heißt das euphemistische Schlagwort, an dem jedes Argument abprallt. Das Vorranggebiet Naturschutz ist auf die nächsten Jahre hinaus Rangierareal für Schotterberge und anderes, was im weitesten Sinne mit der Bahn zu tun hat. Alles, was "bahnaffin" sei, dürfe auf dem Zollbahnhof stattfinden. Sagt das zuständige Eisenbahnbundesamt in der ihm verliehenen Autorität apodiktisch. Punktum. Das Gelände sei ja nie und nimmer von seiner bahnbezogenen Nutzung befreit worden - "Entwidmung" heißt das bürokratische Zauberwort dafür. Da könne der saarländische Umweltminister so lange Vorranggebiete für Naturschutz ausweisen wie er lustig sei.

Stefan Mörsdorf, Umweltminister, gibt sich überrascht, weiß von nichts, verspricht schnelles Eingreifen: " Der Vorgang war mir bisher nicht bekannt. Wir werden uns kümmern und schnell Kontakt aufnehmen". Im März 2005 sagt er so. Seinen Sachbearbeiter beauftragt er mit der Kümmerung. Zwei, drei Anrufe kommen in der Sache aus Saarbrücken, danach herrscht Funk- und Totenstille auf allen Ebenen. Ganz konkrete Frage: Wurde die Bahn eigentlich nicht gehört bei der Aufstellung des Landesentwicklungsplans Umwelt? Wenn doch, was haben die Damen und Herren des bis zur völligen Undurchschaubarkeit zersplitterten Unternehmens denn gemeint dazu? Wurde die Bahn denn im Verfahren überhaupt gehört? Fragen über Fragen und keine Antworten, so weit das Auge die Schotterwüste überblicken kann. Reiner Grün, der Staatssekretär, kommt zum Thema ins Fernsehen, verteilt Beruhigungspillen. Man werde die Sache schon regeln, lächelt er in die Kamera. Was er damit wohl meint?

Dr. Berthold Budell, Vorvorvorgänger Mörsdorfs im Amt des Umweltministers, engagiert sich die Finger wund. Von Bahnchef Mehdorn über Umweltminister Trittin und Verbraucherministerin Künast schreibt er Hinz und Kunz in Sachen Zollbahnhof an. "Wenn ... die naturschutzfachliche Bedeutung dieser Flächen durch zahlreiche wissenschaftliche Gutachten dokumentiert worden ist und die saarländische Landesregierung das Areal im Landesentwicklungsplan Umwelt als Vorrangfläche für Naturschutz ausgewiesen hat, ist es verständlich, dass Sie eine solche Entwicklung aus Naturschutzsicht sehr beklagen", antwortet ihm Jochen Flasbarth, der Leiter der Abteilung Naturschutz und nachhaltige Naturnutzung beim Bundesumweltminister.

Lange Gesichter beim Altstadter Naturschutzbund, trübselige Stimmung beim 25.Jubiläum im November 2005. Rechtsmittel hätten auch keine Chance, die Bahn kann mit ihren Flächen machen, was sie will, braucht sich nicht an Gesetzte zu halten, hat ihre eigenen. "Die Bahn ist ein Staat im Staate. Da müsste endlich mal der Hebel angesetzt werden", meinte der saarpfälzische Landrat Clemens Lindemann.

Rückblende: 1984 wollten die Saarbergwerke auf dem Zollbahnhof eine Kohlehalde anlegen. Die absehbare Verseuchung des Grundwassers und die damit verbundene Zerstörung der Natur waren ausschlaggebend dafür, dass das Vorhaben ad acta gelegt wurde. Paradox:
Damals war der Zollbahnhof als Industriegebiet ausgewiesen.
Heute ist er Vorranggebiet für Naturschutz.
Heute ist alles erlaubt.
 
Martin Baus

 


Vorher - nachher: Das vielfältige Biotopspektrum des Zollbahnhofes bot zahlreichen selten Tier- und Pflanzenarten Lebensraum. Im Frühjahr 2005 begann die großflächige Zerstörung der Natur - für einen Umschlagplatz für Bahnschotter.


Gerade die große Population war eines der auffälligsten Merkmale des
Zollbahnhofes. Auf Schritt begegneten die flinken Reptilien in dem trocken-heißen Sonderstandort. Zahlreiche andere Rote-Liste-Arten begründeten die besondere Schutzwürdigkeit des Areals zwischen Altstadt und Homburg.


Das Schicksal der Mauereidechsen: Das Zwischenlager für Bahnschotter und der damit verbundene starke Verkehr ließen der Population keine Chance.

Fotos: Martin Baus





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Letzte Änderung: 30.12.2005